Damit hatten wir nicht gerechnet
Gestern sind wir kurz vor Mitternacht nach 18 Stunden auf See in der Bucht von Las Palmas de Gran Canaria angekommen.
Seit ein paar Tagen hatten wir das Wetterfenster für unseren langen Schlag nach Gran Canaria beobachtet. Wir wussten, dass Wind und Wellen zunächst gegen uns sein würden, hatten mit 13 Stunden bis nach Las Palmas gerechnet und waren gut vorbereitet. Die Genua hatten wir eingepackt und die Selbstwendefock angeschlagen, Jürgen hatte noch ein paar Muscheln vom Steuerbordpropeller abgekratzt, Diane hatte noch für die nächsten Tage gebunkert, alles hatte gut geklappt. Wir wollten in Las Palmas unsere Backbordmaschine versorgen und nicht länger warten, denn für die nächsten 2 Wochen war stürmisches Wetter mit hohen Wellen angesagt.
Nach allen Vorbereitungen hatten wir noch ein kleines, abendliches Abenteuer, als neben uns eine Chartercrew wohl ihr erstes Anlegemanöver gerade am Liegeplatz neben uns aufführte. Nachdem wir viele Male selbst als Charterer unterwegs waren, hatten wir natürlich sowohl Verständnis als auch Mitleid und halfen ein wenig Ordnung in die vielen Leinen und Kommandos zu bringen. Als Ruhe einkehrte, fanden wir bald unsere Kojen.
Gestern sind wir dann kurz vor 5 Uhr im Dunkeln gestartet. Warm eingepackt und mit reichlich vorbereiteter Verpflegung liefen wir bis zum Sonnenaufgang unter Motor an der Ostküste Teneriffas Richtung Norden. Der Vollmond betrachtete uns gutmütig. Die Fender hatten wir nur auf die Fußreling gelegt, wir wollten im Hafen keine Zeit verlieren. Es wurde hell und wir bereiteten John B. zum Segeln vor, Jürgen verstaute die Fender und Leinen in den Backskisten, das Großsegel wurde mit 1. Reff schnell gesetzt.
Dann wurden die Wellen in der Düse höher, John B. wurde von Wellen und Strömung regelmäßig auf 3 Knoten abgebremst. Der Navigationscomputer verbreitete depressive Stimmung, weil die erwartete Ankunft sich deutlich nach hinten verschob. John B. stampfte in den Wellen und ... ich musste zur Toilette, das Vorschiff glich zu diesem Zeitpunkt einem Trainingsraum für Schwerelosigkeit. Es war klar, dass ich die Prüfung nicht bestand, auch das Seekrankheitskaugummi half nicht mehr, ich übergab einen leckeren Cookie freiwillig den Fischen. Nun wollte ich das Cockpit nicht mehr verlassen, Jürgen übernahm tapfer die Kontrolle unseres Kurses, die Annäherung an das Verkehrstrennungsgebiet und nach einem Tanz mit einem Tanker konnten wir endlich auf Kurs an die Nordspitze Gran Canarias gehen, einen günstigeren Kurs zu Wind und Wellen.
Die Selbstwendefock nahm die Arbeit auf, kein Stampfen mehr, John B. fühlte sich mit den Wellen von der Seite wohl und lief mit 7 bis 8 Knoten bei strahlendem Sonnenschein. Der Navigationscomputer strahlte neue Zuversicht aus, weil die Ankunftszeit wieder einige Stunden früher angezeigt wurde. Die Sonne kam raus, wir saßen wie es sich für Opa und Oma gehört nebeneinander im Cockpit und genossen das Segeln. Wir konnten sogar noch ausreffen und bis zum Kurswechsel zum Hafen segeln.
Die letzte Meile liefen wir unter Motor in den uns unbekannten Hafen, wir wollten erst einmal vor Anker gehen, das hatten wir sowieso geplant. Natürlich war noch ein Abenteuer vor dem Ankermanöver für uns geplant. Bei der Einfahrt in den Hafen kam ein Lotsenboot dicht längsseits und die Besatzung versuchte uns ebenso wortreich wie spanisch etwas mitzuteilen. Das Boot hatte weder Namen lesbar noch AIS eingeschaltet, so dass wir nicht den Funk bemühen konnten. Tapfer riefen die Spanier wohl wichtige Dinge, aber wir verstanden nichts. Schließlich beschloss Jürgen, dass die Lotsen uns auf einen einlaufenden Frachter hinweisen wollten. Er hat dann auf englisch unsere Route bis zum Ankerplatz hinübergebrüllt. Und die Lotsen drehten ab. Bis heute wissen wir nicht, ob die Lotsen uns nicht zu einem Krug Sangria einladen wollten.
Also fuhren wir Richtung Ankerbucht und versuchten so eng an den Wellenbrechern zu fahren, dass der Frachter sich nicht behindert fühlen musste. Im AIS hatten wir in der Ankerbucht nur 2 Boote gesehen, es lagen dort aber einige mehr und teilweise auch ohne Ankerlicht. Zudem blendeten die Lichter der Stadt, so brauchten wir ein paar Runden bis wir einen Platz zum Ankern gefunden hatten. Der Anker fiel auf 8 Meter Wassertiefe.
Als der Motor aus, das Ankerlicht an, ein Schluck Wasser getrunken war, klatschten wir uns ab. Es ist alles gut, wir sind dankbar und zufrieden, dass wir auch diesen Tag erleben durften.