Ein spannender Segeltag
Ja, mittlerweile haben wir den einen oder anderen längeren Schlag hinter uns gelassen und 70sm scheint eine machbare Entfernung für einen Tagestörn zu sein. Wenn wir aber rechtzeitig zum Büroschluß in der Marina sein wollen, müssen wir doch rechtzeitig den Anker heben. Nach einem kurzen Frühstück, dem endgültigen Seeklarmachen ist es um 07:00 Uhr soweit. Der Anker ist auf und der Bug der John B. zielt auf Gran Canaria.
Wir haben den Wetterbericht gut und wiederholt studiert. Zunächst erwarten wir eine Zone ohne Wind, dann wird der Wind auffrischen und uns mit 15kts raum voranschieben. Das ist der Wind bei der John B. gemütlich aber mit hoher Geschwindigkeit durch die See pflügt. Da der Himmel fast wolkenlos und der Atlantik nur mässig bewegt ist, erwarten wir einen phantastischen Segeltag. Natürlich wissen wir von einem Wetterphänomen, das wir nicht vergessen sollten. Gewarnt hatte uns die Seglergemeinschaft von Portimao: "Ihr wisst ja von den Düsen, die gibt es eigentlich bei jeder Insel in den Kanaren!" und natürlich fanden wir auch in der Bordliteratur Hinweise darauf, dass sich um die kanarischen Inseln Gebiete mit sehr hoher Windgeschwindigkeit entwickeln, weil die Winde ihren Weg um die sehr hohen Berge der Insel finden müssen.
Bei der Vorbereitung waren wir davon ausgegangen, dass diese Gebiete hoher Windgeschwindigkeit im Wetterbericht angezeigt werden. Trotzdem wollten wir mit hinreichendem Respekt das Wetter beobachten.
Zunächst einmal genossen wir, dass sich nach kurzer Zeit unter Vollzeug die vorhergesagten 15kts einstellten. Das Log lief hoch 6.0 ... 6.5 ... 7.0 ... 8.5kts. Eine milde Atlantikdünung schaukelt die John B. und wir denken an unsere Bordhymne "We cut through the spray!" - Wir pflügen durchs Meer. Die Seemeilen fliegen dahin. Nur was ist das? John B. krängt stärker, Schaumkronen sind zu sehen. Keine 15kts mehr, 17 ... 19kts. Rechtzeitig reffen, hatten wir uns vorgenommen und wir binden das 1. Reff ein, das Vorsegel wir symmetrisch verkleinert und wir werden langsamer, aber nur kurz. Wir lesen ab: 19 ... 21kts (Windstärke 5-6 Bft). John B. läuft aufrecht wie zuvor und das Log zeigt wieder 8kts. Wir sehen Gran Canaria mittlerweile groß und imposant vor uns, davor aber ein Meer bedeckt mit Schaumkronen. Wieder fällt uns unsere Hymne ein: "No white caps today, she sails far away" (Eine Zeile für Diane: Sie segelt weit, aber ohne Schaumkronen). Die Windstärke nimmt zu 26 ... 28kts. Wieder müssen wir reffen, angesichts der Strecke, die wir noch vor uns haben, nehmen wir das Großsegel ganz weg und vom Vorsegel bleibt auch nur ein kleines Handtuch, 30 ... 31 ... 33kts (Windstärke 7-8Bft). John B. läuft stabil 7.5 bis 8kts. Und die Crew fühlt sich sicher. Der Autopilot tut seine Pflicht, die Dünung ist regelmässig und mild. Ab und zu springt eine Schaumkrone über das Vordeck, aber das Wetter ist gut und das Ziel vor Augen.
Schließlich kommen wir in den Windschatten der Insel und es ist erstaunlich, wie abrupt wir den Rückgang der Windstärke wahrnehmen 31, 30, 29, ... 22kts. Bei 22kts reffen wir spätestens, jetzt fühlt sich der Wind an wie ein lauer Sommerhauch.
Mit dem Windschatten kommt die Marina in Sicht. Den Liegeplatz haben wir reserviert. Die Marineros (Angestellte der Marina) warten auf uns, geleiten uns an unseren Platz. Wir legen ohne Aufregung an und unsere Liegeplatznachbarn wundern sich, weshalb wir um 18.30 Uhr müde sind wie nach einer Biskayaüberquerung.